Lesefutter

Sonntag, 3.9.2017, 12:10 > da]v[ax

Im Laufe der letzten Monate habe ich dank meines treuen eBook-Readers diverse Bücher gelesen, von denen mir einige so gut gefallen haben, dass ich euch davon berichten möchte.

Richard Dawkins - Der Gotteswahn

Das einzige Sachbuch in der Liste. Dawkins erklärt in fast schon epischer Länge, weshalb Religion ein gefährlicher Irrsinn ist, der die Menschen vom eigenständigen Denken abhält und zum Ausgrenzen Andersdenkender anstachelt bis hin zu Mord und Totschlag. Man kann getrost sagen, die 3 großen monotheistischen Religionen sind ein Quell schier endlosen Leids und grotesker Dummheiten. Dawkins entkräftet dabei jedes noch so dämliche "Argument" für die Existenz eines wie auch immer gearteten Schöpfergottes und führt uns dabei wieder und wieder vor Augen, warum der Glaube an ein höheres Wesen eben keine Grundvoraussetzung für ethisches Handeln oder gar ein glücklicheres Leben ist, wie es von Religionsfanatikern ständig gebetsmühlenartig (haha) gepredigt wird.

Ein absolutes Muss für den aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts.

Trevanian - Shibumi

Dieses Buch hat mich wirklich umgehauen. Vor allem, als mir klar wurde, dass es gar kein aktuelles Buch ist, sondern bereits fast 40 Jahre auf dem Buckel hat. Das merkt man der Geschichte nämlich überhaupt nicht an. Im Gegenteil: der Roman nimmt viele Dinge unserer Gegenwart so gekonnt vorweg, dass sie sich heute wie eine Zustandsbeschreibung der aktuellen Welt lesen. Dabei handelt es sich gar nicht um einen Science-Fiction-Roman, sondern um eine Mischung aus Thriller und Bildungsroman. Der Protagonist des Buchs, Nicholai Hel, wird 1925 in Shanghai als Kind einer russischen Aristokratin und eines japanischen Generals geboren und in frühen Jahren nach Japan zu einem Freund seines Vaters geschickt. Dieser Freund ist professioneller Go-Spieler und wird für einige Jahre Nicholais Mentor. Während des 2. Weltkriegs arbeitet Nicholai als Decrypter für die Amerikaner, gerät in erst in russische Kriegsgefangenschaft und landet dann (aufgrund von Verwicklungen, die ich hier nicht vorweg nehmen will) für mehrere Jahre in amerikanischer Isolations- und Folterhaft.

Puh, und das ist erst der Anfang. Ich kann hier nicht alles wiederholen, was in dem Buch passiert, denn das würde den Rahmen sprengen. Was ich rüber bringen will, ist, dass mich dieser Roman nachhaltig zum Nachdenken gebracht und sich fest in meiner Ideenwelt verankert hat. Nicholais Enstellung gegenüber den Amerikanern als Volk ist aus meinen Kopf seitdem nicht mehr wegzudenken und ich ertappe mich immer wieder dabei, an dieses Buch zu denken, während ich Nachrichten lese oder mich mit Menschen über den aktuellen Zustand der Welt unterhalte.

Ein äußerst spannendes und trotz seines gesetzten Alters hochgradig aktuelles Buch.

Laurence Cossé - Der Zauber der ersten Seite

Mal wieder so ein Roman, dessen deutscher Titel komplett in die Hose geht. Im Original heißt das Buch "Au Bon Roman", was der Name der Buchhandlung ist, um die sich die gesamte Geschichte dreht. Die beiden Hauptfiguren des Romans haben es sich zur Aufgabe gemacht, eine Buchhandlung zu erschaffen, die nur Romane führt und zwar die besten Romane aller Zeiten. Um dieses unmögliche Ziel zu erreichen, wählen sie ein geheimes Komitee bestehend aus 10(?) einander unbekannten Autoren und Autorinnen, die ihre favorisierten 100 Romane auf eine Liste schreiben sollen. Diese Bücher bilden dann den Grundstock der Buchhandlung "Au Bon Roman". Zunächst läuft alles sehr gut an, doch plötzlich gibt es einen Mordanschlag...

Eine großartige Liebeserklärung an das Literaturgenre des Romans an sich.

Daniel Suarez - Daemon und Freedom™ (deutsch: Darknet)

Diese Bücher haben es faustdick hinter den Ohren. Es ist schwer, eine kurze Beschreibung zu verfassen, die nicht zuviel verrät, aber ich versuche es trotzdem mal. Zunächst sollte man wissen, dass ein daemon in der Welt der Computerfuzzis ein Programm ist, das ständig im Hintergrund läuft und auf bestimmte Ereignisse wartet. Tritt ein solches Ereignis ein, reagiert der daemon mit einer bestimmten Handlung. Ein typisches Beispiel wäre der daemon, der euch mit den lästigen "Neue Mail eingetroffen"-Nachrichten nervt. Zurück zum Buch: der geniale Programmierer und Spieleentwickler Matthew A. Sobol entwickelt einen Daemon, der "Zeitung liest" und darauf wartet, vom Tode Sobols zu hören. In dem Moment wird eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, die nachhaltig die Welt verändern...

Mehr möchte ich dazu nicht schreiben. Die Bücher sind einfach der Hammer, wenn auch streckenweise ein bisschen zu brutal für meine Künstlerseele. Macht aber nichts, die Story ist wirklich top und vor allem der Ausblick, den der zweite Roman Freedom™ gibt, ist eine echte Utopie, die daran glauben lässt, dass wir depperten Menschen vielleicht doch noch miteinander auskommen könnten, wenn der Irrsinn des ungehemmten Kapitalismus erst mal überwunden ist.

Superspannende Science-Fiction ohne Weltraumgeballer, dafür mit genial durchdachten und weitergesponnenen Ideen.

Heinrich Steinfest - Wo die Löwen weinen

Dieser Roman spielt zur Zeit und im Umfeld der Proteste gegen Stuttgart 21. Mir als ehemaligem aktiven Parkschützer hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn ich erst gute 5 Jahre sowie knapp 400 km zwischen mich und S21 bringen musste, bevor ich diesen Roman wieder genießen konnte. Steinfests augenzwinkernder Humor sowie sein glühender Zorn gegenüber unverantwortlichen Machthabern und Geschäftemachern sprechen mir voll aus der Seele. Seine Tendenz zu übernatürlichen Handlungselementen ist zwar nicht ganz so mein Ding, aber da kann ich auch mal drüber hinweg sehen.

Für Parkschützer ein Muss, für Nichtstuttgarter ein prima Einblick in die Schwabenseele.

Philip K. Dick - Do Androids Dream Of Electric Sheep?

Ich war sehr überrascht, dass die Romanvorlage zu Blade Runner so dermaßen wenig mit dem Film zu tun hat. Ich brauche dazu eigentlich keine großen Worte zu verlieren. Science-Fiction-Liebhaber sollten dieses Buch unbedingt gelesen haben und wer mit Science-Fiction nichts anfangen kann, wird um das Buch sowieso einen großen Bogen machen.

Philip K. Dick - The Minority Report

Ich habe den Tom-Cruise-Film dazu nie gesehen, weil ich mir Filme mit Tom Cruise nicht mehr angucke. Der Typ nervt mich nur. Aber der Roman dazu ist recht gut, wenn jetzt auch nicht unbedingt der größte Wurf der Science-Ficiton.

Kann man lesen.

Martin Suter - Der Koch

Weil ich jetzt zu faul bin, zu diesem schönen Roman eine Zusammenfassung zu schreiben, bediene ich mich ganz dreist bei Wikipedia:

Marawan ist ein tamilischer Asylbewerber, der in dem Züricher Gourmetrestaurant Chez Huwyler als Küchenhilfe arbeitet. Seit frühester Jugend ist er ein leidenschaftlicher Koch, ausgebildet durch seine Großtante sowie in südindischen Restaurants. Seine Leidenschaft und Begabung als Koch ist seinen Arbeitskollegen nicht bekannt, er kann diese aufgrund seines Asylstatus beruflich nicht ausleben. Um die Kellnerin Andrea zu beeindrucken, die er bewundert und die ihm die Gelegenheit gibt, sie zu bekochen, leiht er sich zur Zubereitung bestimmter Essenzen eines Abends heimlich einen Rotationsverdampfer des Restaurants. Er kreiert unter Einsatz bestimmter Techniken der Molekularküche ein aphrodisisches Menü nach ayurvedischen Rezepten. Der Genuss dieser Speisen führt dazu, dass Andrea mit ihm schläft, obwohl sie als Lesbe nicht an Männern interessiert ist.

Andrea und Marawan machen daraufhin zusammen einen Catering-Service namens "Love Food" auf, der Paaren helfen soll, ihr Sexualleben ein wenig aufzupeppen. Natürlich geht nicht alles ganz so glatt vonstatten und vor allem dringt der Bürgerkrieg in Sri Lanka mit Macht in Marawans Leben, so dass sich immer neue Verwicklungen ergeben.

Ein spannender und gut geschriebener Roman, der so ganz nebenbei Einblicke in den Alltag von Asylbewerbern, der Schweizer High-Society und den sri-lankischen Bürgerkrieg gibt.