Coronagespräche an Weihnachten Mit diesem Wissen können Sie kontern Ihre Großtante will auf den Totimpfstoff warten? Opa will sich nicht boostern lassen? Die Schwester hat Angst vor Langzeitfolgen? Mit acht guten Argumenten lassen sich die gängigsten Sorgen entkräften. Von Heike Le Ker, Katherine Rydlink und Nina Weber • 23.12.2021, 23.44 Uhr Während die große Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland gegen Corona geimpft ist, lehnt ein kleiner Teil die Immunisierung weiter strikt ab. Die Diskussion übers Impfen findet nicht nur öffentlich, sondern auch in Familien statt – und wird wahrscheinlich auch manches Weihnachtsfest überschatten. Anbei ein kleiner Leitfaden mit Fakten zu den häufigsten Mythen rund um die Coronaimpfung. 1. »Ich bin jung, ernähre mich gesund und habe ein starkes Immunsystem. Für mich ist Covid deshalb keine Gefahr und die Impfung nutzlos.« Wenn jemand seine eigene Fitness und gesunde Lebensführung betont, kann man erst mal gratulieren. Schön, dass sich jemand aktiv mit seiner Gesundheit beschäftigt! Und ein Funken Wahrheit steckt in der Aussage: Für junge, gesunde Menschen ist Covid-19 weniger gefährlich als für alte, vorerkrankte Menschen. Was viele vergessen: Das Immunsystem leidet unter Stress, Alkohol- und Nikotinkonsum sowie Bewegungs- und Schlafmangel. Auch Übergewichtige zählen zu den Risikopatienten und etwa Menschen mit Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Krankheit ist für keine Altersgruppe ohne Risiken. Eben aus diesem Grund wird die Impfung ja allen ab zwölf Jahren in Deutschland empfohlen. Wer sich anschaut, wer derzeit mit einem schweren Covid-19-Verlauf auf der Intensivstation liegt, sieht schnell, dass »jung und gesund« hauptsächlich auf Menschen unter 30 Jahren zutrifft. Ab 30 steigt die Kurve an. Und selbst wenn die Krankheit nicht so schwer verläuft, dass man ins Krankenhaus muss: Zwei Wochen einen sehr schweren Atemwegsinfekt mit Fieber, Gliederschmerzen und Atemnot in häuslicher Isolation auszukurieren, kann ebenfalls schlimm sein. In der Altersgruppe 35 bis 59 Jahre sind in Deutschland rund zwei von 1000 Menschen, bei denen eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert wurde, im Zusammenhang mit dieser gestorben. Komplizierte Verläufe mit Krankenhausaufenthalten oder Long Covid sind natürlich noch häufiger. An den Langzeitfolgen einer Erkrankung leidet etwa jeder zehnte Infizierte, unabhängig davon, wie schwer der Verlauf war. Keine Gefahr – das sähe anders aus. 2. »Ich habe Angst, dass die Impfung unfruchtbar macht.« Die kurze Antwort: Diese Angst ist verständlich, aber unbegründet. Bei einem Kinderwunsch ist die Impfung sogar besonders empfohlen. Eine längere Antwort: Vergleichsweise viele junge Frauen und Männer führen diese Sorge an, wenn es um die Covid-19-Impfung geht. Doch es gibt überhaupt keine Hinweise darauf, dass die Impfungen die Fruchtbarkeit mindern – und bei der extrem hohen Anzahl der Impfungen, die weltweit bereits verabreicht wurden (nämlich insgesamt mehr als 8,8 Milliarden Impfdosen), wäre so etwas längst aufgefallen. Schon in der Zulassungsstudie für den Impfstoff von Biontech und Pfizer gab es gleich viele Schwangerschaften in der Gruppe, die geimpft wurde, und in jener, die ein wirkstofffreies Placebo erhielt. Dass Impfgegner darauf beharren, Impfungen würden unfruchtbar machen, ist eine Strategie mit langer Tradition. Dieser Mythos hängt deshalb zahlreichen Impfstoffen an. Nur ein paar Beispiele: Nachdem vor einigen Jahren die Impfung gegen HPV eingeführt wurde, die zunächst Mädchen erhielten – inzwischen auch Jungen – gab es sofort Behauptungen, dies würde die Fruchtbarkeit schädigen. Auch bei der Schweinegrippe-Impfung gab es diese Vorbehalte, ebenso bei der Pockenimpfung. Die Behauptung, dass die Kinderlähmung-Impfung unfruchtbar macht, hat schon Impfkampagnen empfindlich gestört. Impfgegner haben schon lange vor der Coronapandemie behauptet, die Wirkverstärker in Totimpfstoffen würden unfruchtbar machen. Vermutlich wird dieser Mythos wieder auftauchen, sobald ein entsprechender Coronaimpfstoff verfügbar ist – um dann all jenen Angst zu machen, die zuvor auf den Totimpfstoff warteten. Aber: Bei keinem der genannten Impfstoffe gab oder gibt es Hinweise, dass sie tatsächlich die Fruchtbarkeit schädigen. Bekannt ist dagegen, dass Schwangere eine Risikogruppe sind, wenn es um Covid-19 geht. Wer sich wegen eines aktuellen Kinderwunsches um die Fruchtbarkeit sorgt, sollte sich deshalb ganz besonders dringend impfen lassen. 3. »Mir ist die Impfung in der Schwangerschaft zu riskant.« Wenn eine Schwangere die Impfung aus Sorge vor Nebenwirkungen ablehnt, können Sie fragen, ob ihr Folgendes bewusst ist: Sie und ihr ungeborenes Kind zählen zu einer der Risikogruppen bei einer Covid-19-Erkrankung. Die medizinischen Fachgesellschaften, die sich in Deutschland mit Geburtshilfe auseinandersetzen, empfehlen deshalb die Impfung ab dem zweiten Trimenon, ebenso wie die Stiko. Leider haben Schwangere, wenn sie an Covid-19 erkranken, ein deutlich höheres Risiko, eine intensivmedizinische Betreuung oder eine Beatmung zu benötigen als Nicht-Schwangere. Rund ein Drittel aller Schwangeren, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren, kommen ins Krankenhaus. Es drohen zudem deutlich häufiger Frühgeburten. Und die Babys müssen häufiger sofort intensivmedizinisch behandelt werden. Gleichzeitig zeigen Daten von mehr als 100.000 geimpften Schwangeren, dass die Impfung das Risiko von Schwangerschafts-Komplikationen wie etwa Frühgeburten nicht steigert. Hier ist die Empfehlung mehrerer medizinischer Fachgesellschaften zur Impfung von Schwangeren und Stillenden. 4. »mRNA-Impfstoffe sind mir zu neu und Langzeitfolgen zu wenig erforscht. Ich möchte lieber auf einen Totimpfstoff warten.« Zuerst sei gesagt: Hier gibt es Hoffnung! Denn diejenigen, die so argumentieren, sind ja nicht grundsätzlich gegen eine Impfung – lediglich die vergleichsweise neue mRNA-Technologie, auf der die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna beruhen, bereiten ihnen Sorgen. Sie wollen also lieber auf einen Totimpfstoff warten, der ihnen vielleicht von früheren Impfungen, etwa gegen Tetanus, bekannt ist. Totimpfstoffe enthalten abgetötete Krankheitserreger oder Bestandteile, die sich nicht mehr vermehren. Das Abwehrsystem erkennt diese und bildet Antikörper, ohne dass die Krankheit ausbricht. Um eine ausreichende Immunantwort zu erzielen, werden ihnen oft Wirkverstärker beigefügt, sogenannte Adjuvantien. Diese dienten übrigens vor der Pandemie häufig als Argumente für Impfskeptiker, da ihnen eine schlechte Verträglichkeit und Nebenwirkungen nachgesagt wurden. Dass jemand lieber auf etwas Vertrautes zurückgreifen möchte, ist durchaus nachvollziehbar, doch in der derzeitigen Situation sehr riskant. Nehmen wir als Beispiel Joshua Kimmich, den Profi-Fußballspieler, der in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt hat, weil er sich zunächst nicht impfen lassen wollte. Auch er sagte, er wolle lieber auf die Zulassung eines Totimpfstoffs warten. Doch in der Zwischenzeit ist ihm passiert, was vielen Ungeimpften geschah oder in den kommenden Wochen droht: Er infizierte sich mit dem Coronavirus. Kimmichs Lunge zeigt noch immer Folgen der Infektion, wann er wieder voll trainieren kann, ist unklar. Durch die Erkrankung änderte er seine Meinung. Inzwischen hat Kimmich erklärt, sich doch mit einem mRNA-Impfstoff impfen zu wollen. Der Fall des Bayern-Stars zeigt das Hauptproblem der Totimpfstoffe: Ihre Entwicklung dauert deutlich länger als die der mRNA-Impfstoffe. In Europa ist bisher noch kein Totimpfstoff zugelassen, auch wenn in anderen Teilen der Welt bereits mit in China oder Indien hergestellten Vakzinen geimpft wird. Die französisch-österreichische Firma Valneva arbeitet derzeit an einer Zulassung für die EU, für den Proteinimpfstoff der US-Firma Novavax hat die Europäische Arzneimittelbehörde (Ema) bereits eine Zulassung empfohlen. Doch bis die Impfstoffe in Deutschland eingesetzt werden können, könnte es noch dauern. Bis dahin setzen sich Ungeimpfte einem sehr hohen Risiko aus, sich mit dem Coronavirus zu infizieren – und schwer an Covid-19 zu erkranken oder noch Monate später an Langzeitfolgen des Virus zu leiden. Doch warum sind die Wartenden überhaupt so skeptisch, was mRNA-Impfstoffe angeht? Viele verweisen auf fehlende Langzeitstudien aufgrund der neuen Technologie. Es stimmt, dass diese Impfstoffe nicht jahrzehntelang erprobt sind. Doch sind sie mittlerweile rund eineinhalb Jahre erforscht und zwar so gut wie kaum ein Impfstoff je zuvor. Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Zulassungsstudien sind bisher keine Nebenwirkungen bekannt, die erst ein Jahr nach der Impfung aufgetreten sind. Das heißt nicht, dass Impfungen keine schweren Nebenwirkungen hervorrufen können. Aber wenn sie auftreten, kommen sie nicht plötzlich Jahre nach der Impfung. Die meisten Beschwerden treten Stunden oder Tage nach der Impfung auf. Dass es bei den mRNA-Impfstoffen Nebenwirkungen gibt, die bislang unerkannt geblieben sind, ist nahezu auszuschließen. Denn inzwischen wurden mehrere Hundert Millionen Menschen weltweit mit den Mitteln von Moderna oder Biontech/Pfizer geimpft. Bei dieser Größenordnung wäre auch eine noch so seltene Nebenwirkung bereits aufgefallen. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) listet alle gemeldeten Nebenwirkungen in seinen Sicherheitsberichten. Auf der PEI-Website kann man außerdem unter Angabe des Impfstoffs melden, welche Reaktionen nach der Impfung aufgetreten sind. Ein weiteres Argument gegen die Angst vor Langzeitschäden durch mRNA-Impfstoffe: Die mRNA der Impfstoffe wird nach kurzer Zeit im Körper abgebaut und kann somit auch keinen langfristigen Schaden anrichten. 5. »mRNA-Impfstoffe verändern das Erbgut.« RNA klingt ja fast so wie DNA! Das heißt aber nicht, dass die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna die Fähigkeit besitzen, das menschliche Erbgut zu verändern. Vielmehr ahmen sie ein Prinzip nach, das im menschlichen Körper bereits vorkommt: mRNA steht für »Messenger-RNA« oder deutsch »Boten-Ribonukleinsäure«. Sie wird im Zellkern gebildet und enthält den Bauplan für Proteine, welche die Zellen mit ihrer Hilfe produzieren können. Die mRNA, die in den Impfstoffen steckt, wird künstlich im Labor hergestellt. Sie hat den Auftrag, den Bauplan für das Spikeprotein zu übermitteln, mit dem das Coronavirus an menschliche Wirtszellen andockt und diese infiziert. Durch die Impfung wird diese Bauanleitung dann in die Zellen eingeschleust, jedoch nicht in den Zellkern, wo sich unser Erbgut (die DNA) befindet. Das könnten sie ohnehin nicht umschreiben oder beeinflussen, denn dazu fehlen die entsprechenden Proteine (und nein, die Impfstoffe beinhalten auch keine Mikrochips von Bill Gates!). Die Körperzellen lesen den Bauplan der mRNA ab, bilden das Spikeprotein und transportieren es an die Zelloberfläche. Dadurch wird das Immunsystem aktiviert und bildet Antikörper gegen die Spikeproteine. Diese Aktivierung spürt der Geimpfte meist durch die bekannten Impfreaktionen, also Kopfschmerzen, Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber oder Müdigkeit. Die mRNA wird anschließend vom Körper wieder komplett abgebaut. mRNA-Impfstoffe sind zwar neu auf dem Markt – aber nicht neu in der Forschung. Bisher fehlten Forschungsgelder, um die Technologie weiter voranzubringen. Mit der Coronapandemie gab es diese Investitionen und den Bedarf, zügig einen Impfstoff zu entwickeln, der in großen Mengen hergestellt werden kann. Die Forschungen konnten vorangetrieben werden. Die Zulassungen kamen bei den Coronaimpfstoffen außerdem sehr viel früher als bei anderen Impfstoffen, da die Zulassungsverfahren beschleunigt wurden. Normalerweise werden erst alle Daten gesammelt und nach Abschluss der Forschungen bei den Behörden eingereicht. Bei den Coronaimpfstoffstudien wurden die Zwischenergebnisse bereits eingereicht, während die Studien noch andauerten, so konnten die Zulassungsbehörden schneller prüfen – es wurden also lediglich bürokratische Hürden abgebaut, was nichts mit der Sorgfalt der Studien zu tun hatte. 6. »Boostern lassen möchte ich mich nicht. Das ist doch wieder nur Geldmacherei der Pharmafirmen. Außerdem bringt die Impfung eh nichts gegen Mutanten.« Die Wirkung der Impfstoffe lässt im Laufe der Zeit nach. Das ist bei vielen Impfungen so. Hätte eine der derzeit stark konkurrierenden Pharmafirmen einen Impfstoff entwickelt, der nach zweimaliger Impfung ein Leben lang schützt, wäre dieser vermutlich mit Abstand der Bestseller. Doch leider haben Studien gezeigt, dass es die aufgebaute körpereigene Immunabwehr einige Monate nach der zweiten Impfung nicht mehr ganz so gut schafft, Viren zu bekämpfen, weil die Konzentration der Antikörper absinkt. Eine Boosterimpfung frischt den Schutz wieder auf, bringt also das Immunsystem dazu, wieder mehr Antikörper zu bilden, die das Coronavirus abwehren können. Vor allem für ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen, die ein hohes Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist die dritte Impfung daher sehr wichtig, um gut geschützt zu bleiben Für alle anderen ist die Boosterimpfung ebenfalls wichtig, da sie dazu beitragen kann, die Pandemie insgesamt einzudämmen. Denn wer geboostert ist, hat ein geringeres Risiko, sich mit Corona anzustecken und das Virus weiterzugeben. Vor allem schützt die Drittimpfung noch einmal deutlich vor schweren Covid-19-Verläufen. Hinzu kommt, dass die Omikron-Variante den Immunschutz von Geimpften und Genesenen wohl teilweise umgehen kann. Damit ist an der Behauptung, dass die Impfungen gegen Omikron nicht wirken, etwas dran. Aber auch nur etwas: Denn im Labor hat sich gezeigt, dass eine Drittimpfung den Schutz gegen die Mutante gegenüber der Zweifachimpfung deutlich verbessert. Eine absolute Sicherheit gibt es aber auch mit Booster nicht. Im kommenden Jahr könnten die Pharmafirmen daher einen speziellen Impfstoff gegen Coronavarianten, wie etwa Omikron, entwickeln. Dann bräuchten wir wohl auch noch diese Spritze. Wie lange der Schutz durch die Drittimpfung hält, weiß man noch nicht. Es könnte also sein, dass die Konzentration der Antikörper im Blut auch einige Monate nach dem Booster wieder nachlässt. Dann brauchen wir möglicherweise noch eine vierte oder sogar eine fünfte Spritze. Vielleicht ist es auch wie bei der Grippe, und wir müssen jedes Jahr unseren Coronaschutz erneuern. 7. »Das Impfen bringt doch gar nichts: Es gibt immer mehr Durchbruchinfektionen und auch Geimpfte können das Virus weitergeben.« An dieser Stelle können Sie antworten: Du hast mit dem zweiten Teil deiner Aussage zwar recht, das heißt aber nicht, dass Impfen nichts bringt. Denn die beiden mRNA-Impfstoffe und das Präparat von AstraZeneca schützen, laut Daten zu den Varianten Alpha und Delta, zu 75 Prozent vor einem symptomatischen Verlauf und zu mehr als 90 Prozent vor einem schweren Verlauf mit Krankenhausbehandlung. Der Janssen-Impfstoff von Johnson & Johnson, der nur einmal gespritzt wird, verhindert eine schwere, durch die Delta-Variante verursachte Erkrankung, die eine Behandlung im Krankenhaus erfordert, zu etwa 70 Prozent. Die Stiko empfiehlt daher eine Auffrischimpfung mit einem der beiden mRNA-Präparate bereits vier Wochen nach der Impfung. Das RKI liefert eine Beispielrechnung, was die 90-prozentige Schutzfunktion bedeutet: »Man stelle sich vor, in einer Gegend mit vielen aktiven Covid-19-Fällen treten etwa 20 Fälle je 1000 Personen auf. Würde in dieser Gegend dann ein Teil der Bevölkerung geimpft werden, würden also 20 von 1000 ungeimpften Personen an Covid-19 erkranken, aber nur etwa 2 von 1000 geimpften Personen. Wenn eine mit einem Covid-19-Impfstoff geimpfte Person mit dem Erreger in Kontakt kommt, wird sie also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schwer erkranken.« Diesen Effekt zeigen auch die Zahlen auf den Intensivstationen: Dort liegen deutlich mehr Ungeimpfte als Geimpfte, egal welche Altersklasse man betrachtet. Obwohl die Schutzfunktion der Impfstoffe gegen die Omikronvariante, nach allem was bislang bekannt ist, geringer ausfällt, schützen die Impfstoffe nach aktueller Datenlage noch immer zu etwa 75 Prozent vor einem schweren Verlauf – und das ist viel im Vergleich zum komplett fehlenden Schutz der Ungeimpften. Trotzdem stimmt es, dass die Zahl der Durchbruchinfektionen in der vierten Welle zugenommen hat. Das haben Experten erwartet, denn keiner der Impfstoffe schützt – wie erwähnt – zu 100 Prozent vor einer Infektion oder schwerem Verlauf. Ein kleiner Teil der Geimpften erkrankt trotzdem. Je mehr Menschen sich impfen lassen, desto größer wird daher auch die absolute Zahl der Durchbruchinfektionen. Warum der Anteil der geimpften Menschen im Krankenhaus bei einer sehr hohen Impfquote sogar größer sein kann als der Anteil der Ungeimpften und auch das nicht bedeutet, dass die Impfung nicht wirkt, erklärt das RKI in diesem Schaubild. Zudem ist bekannt, dass die Schutzfunktion der Impfstoffe nachlässt, und zwar (siehe vorherige Frage) bereits wenige Monate nach der vollständigen Impfung. Deswegen sind die Boosterimpfungen jetzt so wichtig, vor allem für Menschen im höheren Alter oder mit einer Immunschwäche, denn der Impfschutz ist bei jüngeren Menschen ausgeprägter als im höheren Alter – unabhängig von Impfstofftyp und Virusvariante. Das ist einer der Gründe, warum vor allem ältere Menschen Impfdurchbrüche haben. Es stimmt auch, dass geimpfte Infizierte das Virus weitergeben können. Allerdings scheiden diese Personen das Virus im Mittel kürzer aus als ungeimpfte Infizierte, was vermutlich auch die Übertragbarkeit verringern könnte. »In welchem Maß die Impfung die Übertragung des Virus reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden«, schreibt das RKI. 8. »Testen ist völlig überflüssig, vor allem bei Geimpften. Ich sehe das auch nicht mehr ein.« Antigen-Schnelltests können zwar keine absolute Sicherheit bringen, nicht mit Sars-CoV-2 infiziert zu sein. Aber sie sind ein wichtiger Baustein von vielen, um das Risiko so klein wie möglich zu halten. Je nach Virusmenge und Zeitpunkt der Untersuchung schlagen die Tests unterschiedlich gut an – bei Ungeimpften wie Geimpften. Haben Betroffene beispielsweise kurz nach der Infektion noch keine Symptome, sind auch die Schnelltests häufiger falsch negativ, sie zeigen also bei Infizierten an, alles sei gut. Hat jemand mit einer Coronainfektion hingegen eine sehr hohe Virusmenge im Nasen- und Rachenraum, zeigen Schnelltests am zuverlässigsten ein positives Ergebnis. Zudem haben nicht alle Schnelltests dieselbe Genauigkeit. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung zu 122 Schnelltests, die in Deutschland auf dem Markt sind oder waren. Sie liefert Anwendern eine Datengrundlage, wenn sie herausfinden wollen, wie gut ihr Test ist, denn sie listet auf, wie zuverlässig diese Tests bei sehr hoher, hoher oder moderater Viruslast eine Infektion erkennen. Eine umfassende Übersicht zur Qualität sämtlicher Schnelltests, die in Deutschland auf dem Markt sind, gibt es aktuell nicht. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) pflegt eine Liste von Antigen-Selbsttests mit CE-Kennzeichen, für die die Hersteller einen Antrag gestellt haben, in die Liste aufgenommen zu werden. Darin findet sich auch eine Spalte, ob das Paul-Ehrlich-Institut den jeweiligen Test evaluiert hat. Ob Antigenschnelltests bei Geimpften oder Ungeimpften unterschiedlich zuverlässig sind, ist noch nicht abschließend geklärt. »Wir sehen in der Klinik keinen Unterschied«, sagte Manuel Krone, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Würzburg dem SPIEGEL. »Unseren Daten zufolge sind Schnelltests bei Geimpften genauso zuverlässig wie bei Ungeimpften.« Charité-Virologe Christian Drosten hingegen schätzt die Lage etwas anders ein: »Es sieht so aus, als ob Infektionen bei Geimpften gerade in den ersten Tagen der Infektion nicht so gut durch den Antigen-Schnelltest nachzuweisen sind«, sagte Drosten auf Nachfrage des SPIEGEL. Das sei aber allein eine erste Einschätzung. Hier seien noch weitere Untersuchungen notwendig, weil die derzeitige Studienlage noch nicht ausreiche. Drosten ist daher der Meinung, dass der Einsatz von Antigentests bei Geimpften nur dann ratsam ist, wenn die Person Symptome hat. Bekannt ist allerdings, dass Geimpfte mit einem Impfdurchbruch in der Spitze eine ebenso hohe Viruslast erreichen können wie Ungeimpfte, die mit Corona infiziert sind. Bei den Geimpften nimmt die Virusmenge aber schneller wieder ab. »Testet man zwei, drei Tage nach dieser Spitze, kann der Schnelltest des Geimpften schon wieder negativ sein, der des Ungeimpften noch nicht«, sagt Krone. Wer sich nach einem negativen Testergebnis in Sicherheit wiegt, nicht mit Sars-CoV-2 infiziert zu sein und niemanden anstecken zu können, liegt daher falsch. Ein Restrisiko bleibt. Und das lässt sich weiter reduzieren mit Hygienemaßnahmen, lüften, Maske tragen und Abstand halten. Auch wenn Letzteres schwerfällt – besonders an Weihnachten.